Rathenow – Brandenburg (German)

Location: Brandenburg
About this community: Schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts waren in der Stadt Juden ansässig, wie einem Dokument zur Besteuerung aus der damaligen Zeit zu entnehmen ist. Die nächste Erwähnung von Juden in Rathenow ist 1371 in der Schenkungsurkunde des Markgrafen Otto der Faule zu finden, mit der er der Stadt zwei Juden überließ. Dies bedeutete, dass die beiden Juden sich in Rathenow niederlassen durften und ihre Abgaben nicht mehr an den Kurfürsten, sondern direkt an die Stadt zu zahlen hatten. Doch schon bald darauf wurden im Zusammenhang mit Anklagen wegen Hostienschändungen und Brunnenvergiftungen Juden aus der Kurmark vertrieben . Erst 1510 erfolgte während der Regierungszeit des Kurfürsten Joachim II. eine Neuansiedlung von Juden. In Rathenow werden Aron und Mosche erwähnt. 1691 bat Isaak David für sich und seine beiden Brüder Jakob und Markus um einen Schutzbrief, den sie für sich und ihre Familien auch erhielten. Die bereits in Rathenow ansässigen Krämer und Kaufleute wehrten sich jedoch gegen die Ansiedlung von Juden, da sie wirtschaftliche Einbußen befürchteten. Levin Moses, der seit 1707 bereits in Rathenow wohnte und erst 1713 den Schutzbrief erhielt, war bis 1749 "der bedeutendste und vermögendste der Rathenower Juden". Für seinen ältesten 1713 oder 1714 geborenen Sohn Pintus Levin erwarb er 1739 den Schutzbrief, sodaß dieser eigenständig Handel treiben konnte. 1763 erhielt Pintus Levin auf Grund seiner Vermögensverhältnisse sogar das Generalprivileg, womit aufgrund der merkantilistischen Politik Friedrichs II. das Recht zur Errichtung einer Kanevas- und Barchentmanufaktur verbunden war. Auch in der jüdischen Gemeinde spielte Pintus Levin eine bedeutende Rolle. 1758 wurde er zum Mitältesten der Repräsentanten gewählt und 1759 zum Oberlandesältesten ernannt. (jüd. Brandenburg, S.304-306)

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte sich die Zahl der in Rathenow ansässigen Juden verdreifacht. Es lebten acht jüdische Familien in der Stadt, darunter auch die Söhne von Pintus Levin. Um 1800 waren es 13 jüdische Familien mit insgesamt 57 Personen. Durch das "Edikt, betreffend die bürgerlichen Verhältnisse von Juden" erhielten Juden ab 1812 Staatsbürgerbriefe und mussten feststehende Familiennamen annehmen. Zu dem Zeitpunkt lebten inzwischen 24 jüdische Familien in Rathenow. Die Zahlen schwankten in den folgenden Jahren, 1850 waren es nur noch sechs Familien mit 22 Personen, davon vier Kinder. Diese besuchten in der Regel die christlichen Schulen und erhielten von jüdischen Lehrern Religionsunterricht. 1910 wurden 42 Juden in Rathenow gezählt, 1926 wiederum 112 von 28.000 Einwohnern. Die meisten jüdischen Einwohner waren Kaufleute. Seit der Gleichberechtigung der Juden durch die Reichsverfassung von 1871 gab es in der Stadt inzwischen auch Unternehmer, Ärzte und Anwälte, die meisten jüdischen Einwohner waren jedoch Kaufleute. Hier sind zu nennen das "Kaufhaus Conitzer" und Söhne an der Ecke Berliner/Fehrbelliner Straße, Arno Gans, Inhaber des "Bielefelder Kaufhauses" in der Steinstr.9, das Schuhaus von Josef Kadden in der Steinstraße 38, das Herrenartikelgeschäft von Alfred Kornblum ebenfalls in der Steinstraße, Max Schlesinger in der Jederitzer Straße, der Pferdehändler Arthur Danielsohn, Alex Grischmann mit seinem Spezialgeschäft für orthopädische Schuhe in der Jägerstraße 1, die Lackfabrik der Gebrüder Windmüller am Grünauer Weg. Sie alle waren geachtete Bürger und empfanden sich als gute deutsche Staatsbürger, die auch im Ersten Weltkrieg ihre Pflicht getan hatten. (jüd. Brandenburg, S. 306-309, Abbildungen des Staatsbürgerbriefes für Jacob Lesser auf S. 306, eine Tabelle über die Namensänderungen nach 1812 auf S. 307, Photos vom Kaufhaus Conitzer auf S. 308, von den Geschäften von Alfred Kornblum und Max Schlesinger auf S. 309)

1933 lebten in Rathenow 140 jüdische Einwohner, davon 40 Zensiten. Neben der Synagoge und dem Friedhof gab es auch eine Schechitah. (Stein und Name, S. 570) Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten begann auch in Rathenow die Verfolgung der jüdischen Bewohner. Der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, Massenverhaftungen von Sozialdemokraten, Demokraten und jüdischen Geschäftsleuten am 27. Juni 1933 und Sammeltransporte in das Lager Oranienburg, von 1935 bis 1939 Zwangsarisierungen der jüdischen Geschäfte, Unternehmen und Handelshäuser, die Progromnacht im November 1938 und die Verschleppung der meisten männlichen Gemeindemitglieder in das KZ Sachsenhausen. Bis 1938 flüchteten die Familien Abraham, Windmüller, Kirschmann und Salomon ins Ausland. Ihnen wurde ihre deutsche Staatsangehörigkeit, ihr Eigentum und ihr Vermögen geraubt. Ihre Nachfahren leben heute in Nord- und Südamerika und Israel. Die noch in Rathenow verbliebenen Juden wurden 1941 in vier Wohnungen zusammengepfercht, 1942 und 1943 in die verschiedenen Konzentrationslager bzw. Ghettos deportiert und ermordet. Nur Johannes Danielsohn überlebte Theresienstadt und kehrte nach Rathenow zurück.(jüd. Brandenburg, S. 309-311, Tabelle mit den Namen der Deportierten und Ermordeten auf S. 312)

Aus der Familie Kornblum hatten sich die beiden Söhne Egon und Günther 1939 nach Shanghai bzw. Palästina retten können. Egon Kornblum verblieb wegen einer lebensgefährlichen Erkrankung bis 1948 in Shanghai, ging danach in die USA und später nach Israel. 1958 entschloss er sich mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Deutschland einen Neuanfang zu wagen. Er kam erstmals 1987 in seine Heimatstadt Rathenow zurück, besuchte diese nach 1992 regelmäßig, um als Zeitzeuge in Schulen zu sprechen. Auf seine Initiative hin wurde 1997 auf dem alten jüdischen Friedhof ein Gedenkstein errichtet. Egon Kornblum verstarb am 27. Januar 2007 in Essen. (jüd. Brandenburg, S.319-322, Foto von Egon Kornblum bei der Schulabschluss Feier 1934 auf. S. 320, mit seinen Eltern und Bruder wenige Tage vor der Ausreise 1939 und mit dem Generalkonsul Israels in Rathenow 1992 auf S. 321)

Die Synagoge und Friedhöfe von Rathenow

Schon vor 1720 hatte Levin Moses an seinem Haus einen Anbau errichten lassen, der den Rathenower Juden als Betraum diente. Sein Sohn Pintus Levin ließ nach 1739 auf dem Hof seines in der Berliner Straße 4 erworbenen Hauses ein Bethaus bauen und übertrug dies der jüdischen Gemeinde. 1845 errichtete die jüdische Gemeinde in dem Hinterhaus Havelstraße 181, dem damals genannten Tempelhof, eine Synagoge und eine Schule. Dieses Gebäude nutzte die jüdische Gemeinde bis 1926. Dann kaufte sie das Wohnhaus in der Fabrikenstraße 2 (heute Wilhelm-Külz-Str. 2) und richtete nach einigen Umbauten einen Versammlungs- und Betraum ein. Zur Straße hin waren zwei Rundbogenfenster eingesetzt worden, zwischen diesen beiden wurde die Bima aufgestellt, über der Eingangstür der Davidstern. Bei der feierlichen Eröffnung im September 1926 waren der Oberbürgermeister Rathenows, die Stadtverordneten und die Geistlichen beider Konfessionen anwesend, der Oberkantor Riesenberg trug hebräische Lieder vor. In der Progromnacht vom November 1938 wurden im Inneren das Mobiliar und die Fensterscheiben zerstört, die Thorarollen aus dem Toraschrein herausgerissen und entweiht. Das Haus selbst wurde nicht in Brand gesetzt, da im Dachgeschoß der nichtjüdische Hausmeister wohnte. Die jüdische Gemeinde wurde gezwungen, das Grundstück mitsamt den Gebäuden an die Stadt Rathenow zu verkaufen. Alfred Kornblum und Alex Grischmann als Vorstand bzw. stellvertretender Vorstand mussten den Vertrag unterschreiben. Nachdem das ehemalige Synagogengebäude erst als Kindergarten, später als Hort der Pestalozzischule genutzt worden war, ist es heute ein Wohnhaus. 1988 war am Haus eine Hinweistafel angebracht und nach Entfernung wegen Baumaßnahmen am 9. November 2006 als Gedenktafel wieder aufgestellt worden. (jüd. Brandenburg, S. 311 – 314, Fotos von der Synagoge mit Innen- und Außenansicht sowie von der Gedenktafel, S. 313-314)

Schon 1699 erwarben Jakob und Markus David ein Stück Land außerhalb der Stadt zur Anlage eines Friedhofs. Nach der Errichtung der Neustadt war dieser dann am Rande gelegen, am Töpfergang mit Ausgang zur Fabrikenstraße, in der später auch die Synagoge stand. Mehr als 200 Jahre diente dieser Friedhof der jüdischen Gemeinde als Begräbnisplatz . Im Zuge der Stadterweiterung musste der Friedhof 1904 geschlossen werden, was für die Gemeinde wegen der ewigen Totenruhe ein Problem war. Zwar wurde ihr zugesichert, dass das Grundstück 50 Jahre unangetastet bleiben würde, dennoch gab es bereits ab 1908 zwischen der Stadt Rathenow und interessierten Käufern Verhandlungen zum Erwerb und zur Bebauung des Grundstückes. Die Gemeinde erwarb am nördlichen Rand der Siedlung Neufriedrichsdorf ein Grundstück zur Errichtung eines neuen Friedhofs, der 1915 gegründet, von einer Gruppe der Hitlerjugend 1941 geschändet und zum Teil zerstört wurde. Nach dem Krieg geriet er in Vergessenheit, wurde zum Teil als Müllhalde benutzt. Erst in den 70er Jahren fanden erste Aufräum- und Restaurierungsarbeiten statt. Die verbliebenen Grabsteine wurden an der hinteren Friedhofsmauer aufgerichtet und auf Initiative von Egon Kornblum 1997 ein Gedenkstein aufgestellt, der an die im Nationalsozialismus ermordeten Rathenower Juden erinnert. (jüd. Brandenburg, S.315-317, Fotos von dem alten jüd. Friedhof von 1926, dem neuen Friedhof in Neufriedrichdorf von 2006 sowie von dem Gedenkstein 1997 auf. S. 316-317) Auf dem Gedenkstein steht: "Friedhof der ehemaligen jüdischen Gemeinde der Stadt Rathenow. Hinterbliebene wurden durch Faschisten umgebracht oder vertrieben." Dreizehn Grabsteine sind noch vorhanden. Die letzte Beerdigung war vermutlich im April 1942, die des Arztes Dr. Salomon Marcus aus dem Ortsteil Neue Schleuse. Einen Grabstein für ihn gibt es nicht.(Stein und Name, S. 572) "Rathenow ist eine märkische Kleinstadt, in der keine Juden mehr leben. Dennoch wird durch verschiedene Initiativen und Veranstaltungen das Erinnern an die Zeit, da jüdische Mitbürger zur Stadt gehörten und was mit ihnen geschah, wach gehalten. Seien es die Gedenkorte wie der Friedhof, die Synagoge, das Landwerk mit ihren Gedenksteinen und –tafeln, die an jüdisches Leben in Rathenow erinnern, oder sei es die Aktion Stolperstein, die auch in Rathenow von Schülern initiiert wurde, um an jüdisches Leben und dessen Untergang in dieser Stadt aktiv zu erinnern und dafür Sorge zu tragen, dass sich das Geschehene nie wiederholt." (jüd. Brandenburg, S. 325, Fotos von dem ehemaligen Hachschara-Landwerk Steckelsdorf sowie der Gedenktafel auf S. 324-325)

Als letztes der Hachschara-Ausbildungslager wurde Steckelsdorf im Jahre 1943 geschlossen, die Bewohner deportiert. Einem gelang die Flucht –Ezra Ben Gershom. Nach einjährigem illegalen Aufenthalt in Berlin gelang ihm die Flucht nach Palästina. Ezra Ben Gershom schrieb unter dem Pseudonym "Joel König" sein Buch "David den Netzen entronnen" über seinen Aufenthalt und die Ereignisse im Landwerk in Steckelsdorf. Gershoms autobiografischer Bericht wurde 1985 verfilmt, "David" wurde mit dem "Silbernen Bären" ausgezeichnet. Im Juli 1988 fuhr Dr. Ezra Ben Gershom auf Einladung von Klaus Roeber (Sektion Theologie an der Humboldt-Universität-Berlin) nach Steckelsdorf zu einer Begegnung mit den dort lebenden Bauern, bei denen die Hachachara-Mitglieder damals gearbeitet hatten. Sein Buch war dort bereits sehr verbreitet.

Sources: Materialien aus Rathenow, die von dort mit dem ausgefüllten Fragebogen ans Beit Ashkenaz geschickt wurden.
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