Rostock – Mecklenburg-Western Pomerania (German)

Location: Mecklenburg-Western Pomerania
About this community: An der Wende des 12. zum 13. Jahrhundert gründeten deutsche Kolonisatoren, zumeist Kaufleute, die Stadt Rostock. Schon ein halbes Jahrhundert später siedeln sich Juden in der sich schnell entwickelnden Kaufmannsstadt an, wie aus Urkunden aus der damaligen Zeit zu ersehen ist. Schon bald beantragten sie, einen Begräbnisplatz erwerben zu können. Ein solcher ist vor der Stadt nicht weit entfernt vom Kröpeliner Tor vermutlich auf dem Gebiet des heutigen Vögenteichplatzes seit 1282 nachweisbar.
Bei der in Europa in der Mitte des 14. Jahrhundert wütenden Pest wurden auch in Rostock die Juden als Urheber von Brunnenvergiftungen beschuldigt und wie überall in Mecklenburg auch aus Rostock vertrieben. Das Niederlassungsverbot in dieser Stadt blieb in den folgenden fünf Jahrhunderten bestehen. 1828 lebten etwa 3000 Juden in Mecklenburg. Die Seestädte Rostock und Wismar verweigerten nach wie vor jedem Juden die Ansiedlung. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde ihnen die Neuansiedlung wieder erlaubt. Dem war vorangegangen, dass der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin der Verfassung des Norddeutschen Bundes im Juni 1867 zugestimmt und im November desselben Jahres der preußische König das "Bundesgesetz über die Freizügigkeit" unterzeichnet hatte, sodass ab Januar 1868 Juden sich wieder in der damals 30.000 Einwohner zählenden Stadt Rostock ansiedeln konnten. Die ersten Juden, die sich niederließen, waren der Zigarrenmacher Gustav Israel, der Produkthändler Meyer Gimpel aus Fürstenberg und der Kaufmann Simon Neumann aus Ribnitz. 1869 wohnten bereits 25 jüdische Familien in der Stadt. Sie kamen zum großen Teil aus verschiedenen mecklenburgischen und pommerschen Kleinstädten, die damals bereits Abwanderungen aus ihren Gemeinden zu verkraften hatten. Meistens waren es junge Familien, denen sich für den Aufbau einer eigenen Existenz in den kleinstädtischen Wirtschaftsstrukturen nicht genügend Möglichkeiten boten. Die Neuansiedler betätigten sich in Rostock als Kaufleute im Handel mit Textilien, Altmaterialien und Kurzwaren. Die alteingesessenen Rostocker Kaufmannsfamilien nahmen die neu angekommenen Juden mit offenen Armen auf.
Schon im Januar 1870 konnte eine jüdische Gemeinde gebildet werden. Die Mitgliedschaft galt für alle im Gebiet der Stadt Rostock wohnenden Juden. Stimmrecht besaßen allerdings nur die männlichen Gemeindemitglieder, die im Besitz des Einwohnerrechts waren und einem selbständigen Erwerb nachgingen oder von Renten lebten. Dadurch lagen alle Entscheidungen in der Gemeinde für die nächsten Jahrzehnte bei einer kleinen Minderheit der Gemeindemitglieder. Da für die neu gegründete Gemeinde die dringlichste Aufgabe in der Regelung der Begräbnisse lag und nach jüdischem Religionsverständnis die ewige Totenruhe unbedingt zu wahren ist, also eine Grabstätte nicht mehrmals benutzt werden darf, musste für einen eigenständigen jüdischen Friedhof gesorgt werden. Die Bürgervertretung von Rostock war zunächst gegen die Einrichtung eines eigenständigen jüdischen Friedhofes ("Wenn sie mit uns leben, können sie auch mit uns denselben Begräbnisplatz teilen"), gab jedoch den religiös begründeten Anträgen der Juden letztlich nach, sodass im Jahre 1876 ein Gelände zur Errichtung eines eigenen Friedhofes erworben werden konnte. Bis zum November 1929 gab es 220 Bestattungen.
Die Gottesdienste konnten zunächst nur in Privatwohnungen stattfinden. Mit wachsender Mitgliederzahl wurde ein Betraum ebenfalls in einem Privathaus eingerichtet. Erst nach einer testamentarischen Hinterlassenschaft von einer genügenden Summe Geldes, sowie Thorarollen und silbernen Kultgegenständen konnte die Rostocker jüdische Gemeinde in der Augustenstraße 101 ein Grundstück zur Errichtung einer Synagoge erwerben und diese am 14. September 1902, also 32 Jahre nach Gründung der Gemeinde, in einer großen Feier unter Anwesenheit auch nichtjüdischer Repräsentanten der Stadt einweihen. Die Synagoge war mit 350 Plätzen die größte Mecklenburgs und richtete sich in der Gestaltung nach dem traditionellen Religionsverständnis, wie zum Beispiel in der Trennung von Frauen und Männern durch die Frauenempore. Das im romanischen Stil gehaltene Gebäude lag im Garten des Grundstückes, ein kleines Vorderhaus schloss die Häuserfront zur Augustenstraße ab und wurde als Wohnung für den Gemeindediener und für den Religionsunterricht genutzt. Der Vorbeter war über mehrere Jahrzehnte, der aus einer jahrhundertealten litauischen Kantoren- und Rabbinerfamilie stammende Bernhard Sawitz (1857-1930). Er übernahm auch den Religionsunterricht und prägte die religiöse Entwicklung der Gemeinde. Seit Bestehen der jüdischen Gemeinde hatte es Auseinandersetzungen zwischen dem orthodoxen und dem liberalen Flügel gegeben, wobei lange Zeit die orthodoxe Richtung die Mehrheiten bestimmte und erst mit Beginn des 20.Jahrhunderts die Liberalen an Rückhalt innerhalb der Gemeinde gewannen.
Zunehmende Assimilation und Säkularisierung in der Gesellschaft hatten ihre Auswirkungen hinterlassen." Mit der Aufhebung mittelalterlich geprägter Beschränkungen in der Berufsausübung, im Grunderwerb, im Zugang zu Bildungsmöglichkeiten und nach der schrittweisen – zumindest formalen – rechtlichen Gleichstellung waren Ausgangsbedingungen für einen Differenzierungsprozess der jüdischen Gemeinschaft geschaffen. Verstärkt wurden sie durch die Einflüsse der kapitalistischen Entwicklung – vollkommen neue Berufs- und Aufstiegsmöglichkeiten entstanden. Dieser Prozess spiegelte sich in der Zusammensetzung der Rostocker Gemeinde wider: 1871 finden sich unter den Gemeindeangehörigen ausschließlich Kaufleute und deren Angestellte. 1881 gehören zur Gemeinde bereits ein Rechtsanwalt und ein Lehrer. 1911 sind von 139 namentlich bekannten erwachsenen Gemeindemitgliedern 45 Hausfrauen, 16 Rentiers und 78 Erwerbstätige. Zu den Erwerbstätigen gehören: 45 selbständige Kaufleute, fünf Fabrikbesitzer, acht Rechtsanwälte, zwei Ärzte, sechs Hochschullehrer und Lehrer, sechs leitende Angestellte, drei Arbeiter. Auffallend ist der hohe Anteil an erwerbstätigen Frauen: jede fünfte jüdische Frau war in den letzten Jahren vor dem ersten Weltkrieg bereits erwerbstätig." (Frank Schröder, Rostock, in: Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Berlin 1998, S. 201-202) Seit 1890 war Rostock noch vor Schwerin die größte jüdische Gemeinde Mecklenburgs und blieb es bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1941. Im politischen und gesellschaftlichen Leben der Stadt spielten Juden ab Anfang der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts eine Rolle, in der liberalen Partei und in verschiedenen städtischen Vereinen wie Bürgerverein, Anwaltskammer, Frauenverein, Sportvereinen sowie im pädagogischen und sozialen Gebiet. Die Mehrheit der Rostocker Juden fühlten sich als kaisertreue, deutsche Patrioten, im kulturellen Bereich waren sie Goethe, Schiller, Hegel und Nietzsche zugetan und mit Beginn des Ersten Weltkrieges meldeten viele sich als Kriegsfreiwillige, um das deutsche Vaterland zu verteidigen. Nach dem Sturz der Monarchie fühlten sich die meisten der Rostocker Juden durch die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) vertreten.
In den 20er Jahren erhielt die Gemeinde sowohl weiteren Zuwachs aus den mecklenburgischen Kleinstädten wegen der Inflation und der Weltwirtschaftskrise als auch wegen der antisemitischen Ausschreitungen aus Polen und Russland. "Die ostjüdischen Familien, zu ihnen gehörte etwa ein Drittel der Rostocker Juden, waren fast ausnahmslos sehr gläubig, sie bildeten die "Orthodoxie". Außerdem lebten sie in zumeist sehr viel bescheideneren Verhältnissen als die alteingesessenen Juden, die vielfach schon in sechster Generation Mecklenburger waren. Auch ihre kulturellen Prägungen waren anders, ihre Umgangssprache war vielfach jiddisch. Dem stand ein assimiliertes, auf deutsche Bildung und Kultur stolzes, der Religion fast vollkommen entfremdetes jüdisches Bürgertum gegenüber." (a.a.O. S. 206) Trotz dieser Gegensätze konnte die Rostocker jüdische Gemeinde ihre Einheit bewahren. Dies war insbesondere dem 1923 gewählten neuen Gemeindevorsitzenden Max Samuel (1883-1942) zu verdanken, der selbst zwar nicht religiös war, aber den traditionellen und kulturellen Prägungen des Judentums verbunden, die tiefe Religiosität der ostjüdischen Familien respektierte. Den Ritus der Gemeinde danach ausrichtete und so für einen Ausgleich zwischen den religiösen und säkularen Juden sorgte. Dabei wurde er auch unterstützt durch den letzten Landesrabbiner von Mecklenburg-Schwerin, Dr. Siegfried Silberstein (1866-1935), der selbst orthodox-religiös war und eine konservative Auslegung des Ritus vertrat. 1932/1933 war mit 358 Mitgliedern die Blütezeit der Gemeinde.
In der Zeit der Weimarer Republik und den wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen kam es zunehmend zu antisemitischen Anfeindungen in Rostock und zu Veranstaltungen der örtlichen NSDAP mit entsprechender Hetze. Aus den Landtagswahlen vom 5. Juni 1932 ging sogar eine nationalsozialistische Landesregierung hervor, wodurch sich die Rostocker Antisemiten weiter unterstützt fühlten. Mit dem Einsetzen Hitlers als Kanzler am 30. Januar 1933 begann auch in Rostock die Ausgrenzung, Diskriminierung, Ausplünderung und Entrechtung der Juden. Schon in den ersten zwei Jahren der Nazidiktatur flohen etwa 15% der jüdischen Gemeinde aus Deutschland und insbesondere zwischen 1935 und 1938 zogen viele Juden in die Anonymität der Großstädte, in der sie sich vermeintlich sicher fühlten, zum Beispiel der angesehene ehemalige Abgeordnete im Stadtparlament und Straßenbahndirektor Richard Siegmann, der auch Vorsitzender des Mecklenburgischen Fremdenverkehrsamtes und des Rostocker Verkehrsvereins war und dessen großbürgerliches Wohnhaus am Schillerplatz 3 jahrzehntelang ein Zentrum des gesellschaftlichen Lebens war. An eine Emigration mochte der sein deutsches Vaterland liebende Richard Siegmann nicht denken. Er lebte in der Anonymität der Großstadt zusammen mit seiner Frau und Tochter unter ärmlichen Verhältnissen bis zur Deportation nach Theresienstadt. Er und seine Frau verhungerten im Ghetto, ihre Tochter wurde in Auschwitz ermordet. Auch der 1935 zwangspensionierte Richter Franz Josephy und seine Ehefrau, die Kinderärztin Dr. Edith Josephie sowie der Arzt Dr. Hans Lindenburg zogen von Rostock nach Berlin.
Nach der Verschleppung von 37 Juden polnischer Staatsangehörigkeit Ende Oktober 1938 lebten noch 140 Juden in Rostock. Am frühen Morgen des 10. November 1938 wurde die Synagoge in der Augustenstr. 101 von SS-Mannschaften angezündet, Wohnungen und Geschäfte demoliert und an diesem und in den folgenden Tagen 67 jüdische Männer verschleppt und für Wochen in dem Landeszuchthaus von Neu-Strelitz inhaftiert. Mit der Auflage das Land zu verlassen wurden sie erst Ende März nach furchtbaren Haftbedingungen freigelassen.
Die nach Oktober 1939 noch in Rostock verbliebenen etwa 90 Juden lebten unter schier unerträglichen Bedingungen. Im Juni 1941 erklärte die Gestapo die jüdische Gemeinde für aufgelöst. Die Deportationen in die Vernichtungslager begannen am 10. Juli 1942, am 11. Juli 1942 und am 11. November 1942. Von all den Rostocker Verschleppten überlebten nur Alice Witt und Lina Mielke. Sie kehrten 1945 aus Theresienstadt nach Rostock zurück. Nicht aus Rostock deportiert wurden nur die in sogenannter "Mischehe" lebenden Juden, deren Ehepartner ihnen das Leben retteten, da sie sich trotz des Drucks der Gestapo nicht von ihnen scheiden ließen. 14 Juden erlebten in Rostock am 1. Mai 1945 ihre Befreiung. Im Sommer 1945 wurde der teilweise geschändete jüdische Friedhof durch die Stadtverwaltung instandgesetzt, 1963 aus Anlass des 25. Jahrestages der Reichsprogromnacht von 1938 ein erster Gedenkstein mit den Namen der Opfer gesetzt. 1978 erhielt der zwischenzeitlich wieder verwahrloste jüdische Friedhof eine würdige Gestaltung, eine Gedenkstele und einen Stein mit 78 Namen von Rostocker Opfern der Shoa. In der Augustenstraße wurde eine Stele zur Erinnerung an die zerstörte Synagoge aufgestellt. Mit zunehmender Erforschung und öffentlichen Verbreitung der Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinschaft entwickelten sich auch Verbindungen zu noch lebenden ehemaligen Gemeindeangehörigen in Israel, Schweden, der Schweiz und anderer Länder. 1990 wurde die "Vereinigung für jüdische Geschichte und Kultur in Rostock e.V." und im Sommer 1991 eine Stiftung "Begegnungsstätte für jüdische Kultur und Geschichte" gegründet, die seitdem im Max-Samuel-Haus am Schillerplatz Nr. 10 mit Veranstaltungen unter Teilnahme zahlreicher Besucher Begegnungen von Nichtjuden und Juden ermöglicht.
Im September 1993 kamen die ersten jüdischen Familien aus der ehemaligen Sowjetunion und 1994 wurde die jüdische Gemeinde in Rostock und Schwerin sowie der Landesverband jüdischer Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern gegründet. Seit 1996 verfügt die etwa 300 Gemeindeglieder zählende Stadtgemeinde über ein eigenes Gemeindezentrum am Wilhelm-Külz-Platz.
(Text zusammengestellt aus Fragebogen von 1998, Frank Schröder, Rostock, in: Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Berlin 1998, Jürgen a.a.O. Innenansicht der Rostocker Synagoge, S. .199, Foto von Max Samuel, S. 208, Begegnung mit ehemaligen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Rostock in Netanya, S. 222)